Schreiben mit der Linken Hand

1. Allgemeine Hinweise Methodische Hilfestellungen sind notwendig, da das linkshändige Kind von sich aus nur schwer eine unverkrampfte und lockere Schreibhaltung findet. Wichtig dabei ist: Die lockere Schreibhaltung muss dem […]

16. Februar 2018 // Stefan // No Comments //

1. Allgemeine Hinweise

Methodische Hilfestellungen sind notwendig, da das linkshändige Kind von sich aus nur schwer eine unverkrampfte und lockere Schreibhaltung findet.

Wichtig dabei ist:

  • Die lockere Schreibhaltung muss dem Kind vom ersten Tag des Schreibens an gezeigt werden. Fehlhaltungen lassen sich später kaum noch korrigieren.
  • Die Schreibhaltung muss vom Lehrer/von der Lehrerin ständig überwacht werden, insbesondere in den ersten drei bis vier Monaten nach Beginn des Schreiblehrgangs. Vorsicht: Linkshänder ahmen oft rechts schreibende Kinder nach.
  • Es ist dringend notwendig, dass sich Eltern über eine lockere linkshändige Schreibhaltung informieren und den Lehrer/die Lehrerin zu Hause unterstützen.
  • Die Schreibhand muss unbedingt beibehalten werden. Durch ständigen Wechsel der Schreibhand werden schreibmotorische Muster im Gehirn verzögert und gestört aufgebaut.
  • Das linkshändige Schreiben muss psychologisch vorbereitet und diesbezügliche Befürchtungen der Eltern müssen ausgeräumt werden. Das Kind soll nicht den Eindruck erhalten, dass es wegen seiner Linkshändigkeit ein Sorgenkind ist. Es muss seine Linkshändigkeit als ein natürliches Phänomen erfahren. Daher sollte es auch nicht zu Überbetonung und Überfürsorglichkeit kommen, die fast immer eine Gegenreaktion bei den Mitschülern und Geschwistern hervorrufen.
  • Werkzeuge sind u.a.: weiche Blei- und Buntstifte, Linkshänderfüller, -scheren und -spitzer. Für manche Schüler sind Linkshänderlineale ungeeignet.
  • Ein Kind, das spontan mit der linken Hand zu malen und zu schreiben beginnt, darf auf keinen Fall zum Schreiben mit der rechten Hand angehalten werden. Bei Kindern, die häufig die Schreibhand wechseln, muss durch einen auf Händigkeit spezialisierten Fachmann, z.B. einen Schulpsychologen oder Ergotherapeuten, die Händigkeit festgestellt werden.
  • Verunsicherte und verängstigte, aber auch wache und angepasste linkshändige Kinder neigen dazu, sich von alleine auf die rechte Hand umzuschulen (Modellverhalten). Das geschieht besonders dann, wenn sie wegen ihrer Linkshändigkeit von Mitschülern verspottet werden oder wenn sie schon im Kindergarten deswegen, ihrer Meinung nach negativ, aufgefallen sind oder insbesondere dann, wenn sie durch mangelnde methodische Hilfen die Schwierigkeiten beim Schreiben nicht überwinden können. Diese Selbstumstellung muss unterbunden werden, da sie dieselben Folgen wie eine von Erwachsenen erzwungene Umschulung haben kann.

Abb.:  Einüben einer lockeren Haltung durch Verwendung der Schreibunterlage (Auer Verlag)
 

2. Schreibhaltung

Lage des Heftes:
Die Heftseite, die beschrieben wird, liegt links der Mittelachse, die durch Nase und Wirbelsäule festgelegt wird. Weder der Körper noch der Kopf weicht beim Schreiben davon ab.

Lage der linken Hand:
Die linke Hand stützt sich auf die Handkante und die seitliche Fläche des kleinen Fingers. Handrücken und Unterarm bilden einen stumpfen Winkel.

Lage der rechten Hand:
Die rechte Hand hält das Heft am rechten Blattrand, anfangs möglichst etwas über der Höhe der gerade beschriebenen Zeile.

Neigung des Heftes:
Die rechte obere Ecke ist im Vergleich zur linken oberen Ecke nach unten verschoben. Der Neigungswinkel kann variieren. Beim linkshändigen Schreiben ist ziehendes und stoßendes Schreiben grundsätzlich möglich. Beim ziehenden linkshändigen Schreiben wird die Schrift, bedingt durch die starke Neigung des Heftes, allerdings sehr linksschräg.

Haltung der Finger:
Alle Finger bleiben grundsätzlich unterhalb der Schreiblinie. Die Federspitze zeigt etwas nach rechts bzw. liegt flach auf dem Blatt. Das Schreibgerät liegt auf dem vorderen Glied des Mittelfingers und wird vom Daumen und Zeigefinger gehalten. Das hintere Ende des Schreibgerätes zeigt etwa in Richtung des linken Ellenbogens. Das Schreibgerät sollte weder zu nah noch zu weit von der Spitze gehalten werden.

Häufigste Mängel:
Heben der linken Schulter; Vorschieben des linken Ellenbogens (führt zur Krümmung der Wirbelsäule), Drehung des Kopfes nach rechts; hakenförmige Handhaltung (Schreibhand über der Zeile); rechte Hand liegt so auf dem Blatt, dass um sie „herumgeschrieben werden muss“; Heft ist zu weit nach rechts verschoben; der rechte Rand des Heftes liegt höher als der linke.
 

3. Spiegelschrift, eine normale Anfangserscheinung

  • einzelne Buchstaben in Spiegelschrift
  • Wörter in Spiegelschrift
  • Vertauschen von Buchstaben/Silben: oben enob ebon
  • Beginn des Lesens in der oberen rechten Ecke
  • Schreibrichtung von rechts nach links in Spiegelschrift; Spiegelschrift und Verdrehungen von Buchstaben verschwinden gewöhnlich im Verlauf des 1. Schuljahres von alleine; bei längerem Anhalten sollte ein Fachmann, z.B. ein Schulpsychologe, zu Rate gezogen werden.
  • Vertauschen und Verdrehungen von Buchstaben kommt selten und meist weit weniger ausgeprägt auch bei rechtshändigen Kindern vor und sind häufig ein Signal für physiologische Störungen, die nichts mit der Händigkeit zu tun haben.

4. Sitzordnung

  • Der Linkshänder darf links von sich keinen rechtshändigen Nachbarn haben.

5. Lichteinfall

  • Der Arbeitsplatz sollte von rechts oder von vorne beleuchtet werden.

6. Erinnerungsstützen für die richtige Hand- und Heftlage

  • Hilfreich kann es für das Kind sein, wenn zu Hause auf der Schreibunterlage die Umrisse der richtigen Lage des Schreibheftes z.B. mit Tipp-Ex oder Nagellack vorgezeichnet werden (DIN A5 und DIN A4), so dass immer die richtige Heftlage nach rechts in Erinnerung bleibt. Dabei hilft auch die Schreibunterlage, die als Block erhältlich ist (s. Abb.). Für die Schule kann durch Abschneiden des rechten Teils des Schreibunterlagenblatts und Überziehen des linken Teils mit einer durchsichtigen Schutzfolie eine unterrichtsgerechte Schreibunterlage geschaffen werden.
  • Hilfreich können auch Nachspurübungen sein, die viele Kinder bereits ein Jahr vor dem Schulbeginn fähig sind durchzuführen (Vorschläge dazu in: Übungen für Linkshänder)
  • Auch das Schreiben mit Kreide auf eine Tafel kann helfen, dass von Anfang an eine günstige Handhaltung gefunden wird, da der mit der Kreide geschriebene Text, ähnlich wie später bei der Tinte, durch eine ungünstige Haltung verwischt wird.

7. Körperhaltung

  • Die Körperhaltung beim Schreiben gleicht der des Rechtshänders.

8. Schreibhefte in der 1. Klasse

  • Manche Lehrer/Lehrerinnen verwenden in der 1. Klasse Schreiblernhefte, in denen links, zu Beginn der Zeile, ein Buchstabe oder ein Wort vorgeschrieben ist, welche das Kind selber mehrmals auf der Zeile nachschreiben soll. Hierbei verdeckt sich der Linkshänder, auch bei günstigen, lockeren Schreibhaltung, die Vorlage. Daher wäre es ratsam, auch am rechten Zeilenende Buchstaben oder Wörter als Muster vorzuschreiben; ein Pfeil oder Punkt links ist wichtig, um den richtigen Zeilenanfang zu kennzeichnen z.B.:

–>  a_____________________________________________________ a

–>  Hase________________________________________________Hase
 

9.  Schreibtempo und Schriftbild

  • Grundsätzlich gilt, dass linkshändige Kinder genauso schön und genauso hässlich, genauso schnell und genauso langsam schreiben wie rechtshändige Kinder auch.
  • Linkshändige Kinder, die ausgesprochen langsamer als ihre Klassenkameraden schreiben, haben häufig leichte feinmotorische Störungen, die unabhängig von der Händigkeit zu sehen sind. Das gleiche gilt auch für Rechtshänder.
  • Eine Schriftneigung nach rechts ist für linkshändige Kinder oft nicht leicht durchzuführen. Im Sinne der Individualität des linkshändigen Kindes muss man die Konvention des rechtsschrägen Schriftbildes verlassen. Bei einer günstigen Handhaltung und Lage des Heftes wird die Schriftneigung eher steil bis leicht linksschräg. Wichtig ist allerdings, dass sich eine gleichmäßige und lesbare Schrift ausbildet.

Im Lehrplan für die Grundschulen in Bayern (2000) wird besonders darauf hingewiesen, dass „Linkshänder … nicht zum bevorzugten Gebrauch ihrer nicht dominanten Hand angehalten werden“ dürfen. „Die angeborene Händigkeit darf nicht umgeschult werden.“ (D 1/2.2), S. 78
 

Anschrift der Verfasserin:

Dr. Johanna Barbara Sattler
Leiterin der Ersten deutschen Beratungs-
und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder
Sendlinger Str. 17
80331 München
Tel. 089 / 26 86 14.
https://www.lefthander-consulting.org/
Die Autorin hält auch Seminare zu der Thematik.

Literaturhinweise:

Meyer, Rolf W., Linkshändig? Ein Ratgeber, Humboldt-Verlag Baden-Baden, 1991, 2006 (7)

Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung, Das linkshändige Kind in der Grundschule. München 1993, Vertrieb: Auer Verlag, Donauwörth, 2007 (14)

Sattler, Johanna Barbara, Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn. Auer Verlag, Donauwörth, 1995, 2006 (9)

Dreiteilige Veröffentlichung, einzeln beziehbar: Sattler, Johanna Barbara,

alle Auer Verlag, Donauwörth
 

Sattler, Johanna Barbara, Die Psyche des linkshändigen Kindes. Von der Seele, die mit Tieren spricht, Auer Verlag, Donauwörth, 1998, 2006 (5)

Sattler, Johanna Barbara, Links und Rechts in der Wahrnehmung des Menschen. Zur Geschichte der Linkshändigkeit, Auer Verlag, Donauwörth, 2000

Sattler, Johanna Barbara, Das linkshändige Kind – seine Begabungen und seine Schwierigkeiten, Auer Verlag, Donauwörth, 2003, 2004 (2)

Sattler, Johanna Barbara, Schreibtisch-Auflage für Linkshänder, Auer Verlag, Donauwörth, 2004

München, den 17.10.2007


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